Seit neuestem scheint sie in aller Munde zu sein.

Die Propriozeption

Was sich erstmal fürchterlich wichtig, hochgestochen und kompliziert anhört, ist eigentlich das, was wir jeden  Tag mit unseren Pferden machen oder machen sollten.

Nämlich die Eigenwahrnehmung zu schulen.

Ein Pferd nimmt  Reize über verschiedene Rezeptoren auf.

Das sind einmal die  Schmerzrezeptoren, die über die Nervenbahnen dem Gehirn signalisieren, dass da etwas nicht stimmt und der Körper dementsprechend reagieren soll.

Dann haben wir die Thermorezeptoren, die sind für den Wärmehaushalt im Körper zuständig und regulieren z.B. das Schwitzen oder auch das Aufstellen des Felles.

Aber um die geht es ja heute gar nicht.

Wir reden heute von den Propriozeptoren und die sitzen in Muskeln und Gelenken und leiten ihre Informationen ans Nervensystem weiter. 

Sie sorgen für die Tiefensensibilität im Pferd, was nichts anderes heißt, als dass das Pferd z.B. auf unebenen Böden laufen kann, ohne zu stolpern, dass es über ein Hindernis springen kann ohne über Kopf zu gehen, dass es in der Lage ist, feinste Bewegungen z.B. in der Dressur auszuführen usw. Auch, dass ein Pferd von euch eine Karotte nehmen kann, ohne euch die Hand abzubeißen gehört zur Aufgabe der Propriozeption.

Man kann das Ganze auch Eigenwahnehmnung nennen.

Nun hat, wie bei den Menschen auch, das eine Pferd eine bessere Eigenwahrnehmung als das andere.

Wer kennt nicht den Typ Mensch oder Pferd, der regelmäßig über seine eigenen Beine stolpert, sich gerne man irgendwo anhaut oder salopp gesagt, einfach schusselig ist.

Das Ganze kann man aber trainieren.

Ein Pferd, das immer nur auf perfekten Böden gearbeitet wird, das grundsätzlich in Watte gepackt wird und nie einen selbständigen Schritt machen darf, wird seine Eigenwahrnehmung nach und nach verlieren.

Ein kleiner Stolperer kann dann fatale Folgen haben, weil der Körper verlernt schnell durch eine Muskelanspannung darauf zu reagieren und damit das Stolpern abzufangen. Damit sind Verletzungen natürlich vorprogrammiert.

Propriozeptionstraining ist also auch als Prophylaxe anzusehen.

Je geschickter ein Pferd mit seinem Körper umgehen kann, desto geringer ist die Verletzungsgefahr, vor allem bei alltäglichen Kleinigkeiten wie eben Stolpern, Festliegen in der Box, Wegrutschen mit der Hinterhand usw.

Aber wie kann man das denn trainieren?

Die einfachste und naheliegendste Art, die Eigenwahrnehmung zu schulen ist das Reiten auf verschiedenen Böden.

Diese einfache Aufgabe ist eigentlich für jeden Reiter umsetzbar.

Raus aus der Reithalle und ab ins Gelände und sich nicht scheuen, die Untergründe zu wechseln.

Jeder Boden stellt andere Anforderungen an das Pferd, sei es der unebene Grasboden, der Waldweg, der Asphalt und was es da draußen alles so gibt.

Auch das Bergauf- und Bergab reiten schult die Eigenwahrnehmung ohne dass wir aktiv etwas dafür tun müssen.

Wir müssen einfach nur den bequemen Reitplatz verlassen und wenigstens vor und nach dem Reiten nach draußen in die Welt gehen.

Eine weitere gute Art die Propriozeption zu fördern ist Stangenarbeit.

Sicher ist nicht jedes Pferd zum Springpferd geboren und manche sollen auch aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr springen, aber über ein paar am Boden liegende Stangen laufen, das sollte ein Reitpferd, egal was es als Hauptaufgabe hat, schon können und dürfen.

Denkt immer dran, wenn ihr euer Pferd zu sehr schont und versucht vor allem zu beschützen, kann schon ein kleines Stolpern große Folgen haben und das werdet ihr, egal wieviel ihr aufpasst, nie verhindern können.

Wenn ihr mehr als Bodenstangen wollt, bei denen ihr möglichst drauf achtet sie leicht zu erhöhen, damit sie nicht wegrollen, dann sind kleine Gymnastikreihen eine schöne Sache.

Im Aufbau sind eurer Phantasie keine Grenzen gesetzt.

Was ich gerne aufbaue sind entweder halbhohe Cavalettis, die ich in jeder Gangart reiten kann, oder Stangenreihen, die jeweils nur auf einer Seite erhöht sind, wie ein Zick-Zack praktisch.

Das Pferd muss hier hinschauen und auch mitdenken, da es ja die höhere Seite abwechselnd rechts und links hat.

Auch ein Geschicklichkeitsparcours bei dem man auch über verschiedene Bodenbeläge wie z.B. auch Gummimatte usw. weiter läuft kann gut dabei helfen die Wahrnehmnung zu schulen. Wenn man sich da in einer netten Gruppe zusammenfindet, kann man mit viel Spaß an der Sache viel Gutes für sein Pferd tun.

Das können dann auch alle Pferde mitmachen, auch die, die vielleicht nicht (mehr) geritten werden.

Übrigens, da ich es kenne, viele Fragen zu bekommen, über die ich manchmal den Kopf schütteln muss, natürlich ist jeder Reiter dafür selbst verantwortlich zu entscheiden, was er seinem Pferd zumuten kann. Oft werde ich gefragt, ob Stangenarbeit oder die Arbeit auf Balancepads auch für Pferde mit verschiedenen Krankheiten gut ist. Das kann und will ich euch nicht beantworten. Es ist ja irgendwie logisch, dass man ein Pferd mit einem Sehnenschaden nicht in tiefen, unebenen Böden arbeitet oder über Stangen reitet. Wenn ich von Training spreche, gehe ich von gesunden Pferden aus, die besser werden sollen, oder Pferden im Aufbau, die das ok vom Tierarzt oder Therapeuten haben, das zu tun.

Ebwenso ist es klar, dass jede Art von Training kontinuierlich aufgebaut werden sollte.

Ein Pferd, dass bisher nur auf dem Reitplatz ging muss natürlich nicht plötzlich zwei Stunden durchs Gelände kraxeln, oder einen Stangenparcours bewältigen. Ich gehe hier immer davon aus, dass jeder Pferdemensch weiß, dass man jede Art von Training dem Pferd und seiner schwächsten Struktur anpasst und es dementsprechend aufbaut.

Eine weitere Art des Propriozeptionstrainigs ist auch das Training mit Balancepads.

Diese setze ich gerne schon mal beim Putzen ein.

Wenn sich ein Pferd langsam dran gewöhnt hat, auf diesem ungewohnten, bunten und wackligen Untergrund zu stehen, dann kann man die Pferde auf die Pads stellen und nebenher putzen.

Man hat dann schon eine kleine Trainings,- und Lockerungseinheit gemacht, ohne dafür wirklich mehr Zeit aufzuwenden.

Die Zeit ist ein häufiges Argument, warum meine Kunden oft keine Gymnastik mit dem Pferd machen. Dann muss man sich eben was suchen, was keine Extrazeit kostet. Das sind ganz klar die Balancepads.

Wer viel Zeit und Lust hat, kann damit viele Sachen machen, wer wenig Zeit hat, stellt sein Pferd eben nur ein paar Minuten beim Putzen drauf. Das ist alles besser als nichts zu tun.

Das Einzige, was hier Zeit kostet ist das Angwöhnen. Ich gewöhne die Pferde ganz gern zu zweit daran. Einer hält das Pferd, hat bestenfalls auch noch eine Belohnung dabei, der andere stellt einen Huf auf das Pad.

Das kann dauern, bis das klappt. Manch einer fürchtet sich davor, mancher hat einfach keine Lust, die Beine auf dem Boden stehen zu lassen und manche merken schnell dass es anstrengend ist.

Aber ich kann nur empfehlen. Bleibt dran. Übt es und geht Schritt für Schritt vor.

Wenn das Pferd vorne Angst hat, weil es sich vor der Farbe auf dem Boden fürchtet, dann beginnt mit den Hinterbeinen, erst eins, dann das andere.

Wenn das gut geht, könnt ihr auch diagonal arbeiten.

Und wenn das auch gut geht, dann dauert es nicht mehr lange und euer Pferd steht auch vorne mit beiden Beinen drauf, entspannt einerseits, wenn ihr aber genau hinschaut, seht ihr, wie die Muskulatur bei jeder Bewegung arbeiten und ausgleichen muss.

Wenn ihr dann ganz viel Übung habt, könnt ihr auch noch Lockerungsübungen dazu nehmen.

Was ich sehr gerne mache, ist den Hals zu dehnen, oder aber auch den Widerrist ganz leicht nach rechts und links zu bewegen.

Dadurch, dass sich die Bewegung nach unten hin wiederholt lassen sich die Pferde so sehr gerne lockern und ihr könnt schon bald tolle Ergebnisse sehen.

So, jetzt wünsche ich euch ganz viel Spaß beim Ausreiten, beim Lockermachen, beim Entdecken neuer Aufgaben und der Erfahrung, dass alles, was man mit Köpfchen macht einen weiterbringen kann. Training muss nicht immer mit Schweißausbrüchen verbunden sein, auch kleine Aufgaben bringen  auf Dauer Erfolge.

Also Leute, ran an die Pferde und viel Spaß dabei.

Falls ihr euch nicht sicher seid, ob ihr das mit eurem Pferd machen könnt, fragt euren Trainer, Tierarzt oder Therapeuten.

Ja, und fast hätte ich es vergessen.

Natürlich ist es auch ein Propriozeptionstraining, wenn euer Pferd über die Koppel galoppiert. Auch dabei schult es seine Sinne, ist für seinen Körper selbst verantwortlich und hat keinen Reiter auf dem Rücken, der es stabilisiert und ihm jeden Schritt vorschreibt und begleitet.

Allerdings, denkt immer dran. das Große Ganze macht den Erfolg. Wenn ihr euer Pferd jeden Tag nur auf die Koppel stellt, ist es vielleicht bewegunsgeschickt, aber als alleiniges “Training” reicht das natürlich nicht aus. Genauso wie das Training auf den Balancepads nur ein Zusatz zum normalen Pensum ist.

Aber schließlich wollen wir ja auch Reitpferde haben und da ist die Grundvoraussetzung, dass ihr auch reitet, alles weitere könnt ihr zusätzlich machen.

 

 

 

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